Auf Nachtkritik steht ein recht interessanter Vortrag von Ulf Schmidt (Autor, Berater, Theaterwissenschaftler) zur aktuellen Situation des deutschen Stadttheaters. Im ersten Drittel des Textes, bei der Analyse des Zuschauerschwundes und dessen Verschleierung durch statistische Taschenspielertricks und die Eröffnung immer kleinerer neuer Spielstätten, gehe ich mit Schmidt vollkommen d’accord. Auch seine Prognose, das in spätestens zehn Jahren Schluss mit lustig ist, teile ich: Wie Deutschlands Verleger und Buchhändler haben auch die deutschen Theatermacher noch nicht begriffen, dass das Internet auch eine kulturelle Zeitenwende gebracht hat, deren Ausmaß und Wirkung wir begreifen lernen müssen, während sie sich ereignet.
Bei den Ursachen für den Zuschauerschwund und bei den Lösungsvorschlägen kann ich Schmidt nun gar nicht folgen. Besonders wenn er flache Hierarchien und neue Formen der Zusammenarbeit als Allheilmittel anpreist, bewegt er sich komplett ins Abseits, bzw. er wirbt – was ja vollkommen legitim ist, das ist u. a. der Sinn solcher grundsätzlichen Vorträge – für seine Dienste als Kommunikationsberater.
Mir scheint, Schmidt versteht das Konzept des „Writer’s Room“ falsch. Wenn Menschen, die alle an einem Projekt arbeiten, sich in einem Raum zusammen finden, dann entsteht nicht automatisch ein Writer’s Room. In einem Writer’s Room z.B. einer amerikanischen TV-Serie sitzen – wie der Name schon sagt – ausschließlich Autoren. Autoren, die das Handwerk (!) des Erzählens beherrschen und sowohl ihre eigenen Geschichten (die einzelnen Folgen) als auch die Geschichte als Ganzes (die Serie) erzählen. Das heißt auch, dass jeder Mensch, der in einem Writer’s Room arbeitet, zuallererst nur der Geschichte verpflichtet ist, die es zu erzählen gilt. Dies ist die Hauptverantwortung des in einem Team arbeitenden Autors, und man sollte sie ihm tunlichst lassen, denn er versteht meistens sein Handwerk und er stellt die fesselnd erzählte Geschichte über alles: über Eitelkeiten von Darstellern, die mehr Sätze haben oder noch ein Kostüm vorzeigen wollen, über Bühnenbildner, die einen bestimmten Effekt verweigern, weil sie noch was fürs Budget der Don-Giovanni-Aufführung abzwacken müssen, über intellektuell herausgeforderte Dramaturgen und Regisseure, die denken, ein Witz kommt beim Publikum nicht an, nur weil sie ihn nicht verstehen.
Die Probleme der deutschen Stadttheater begannen damit, dass man sich vor ca. 20 Jahren begann, vom „well made play“ (ist in vielen Dramaturgien mittlerweile tatsächlich ein Schimpfwort), also dem gut gebauten, gut geschriebenen Theaterstück abzuwenden, um „neue Formen des Erzählens“ zu erproben. Obwohl heftig von einer zynisch-übersättigten Theaterkritik sekundiert, ist es jedoch bisher nicht gelungen, eine theatrale Form zu finden, die ein Publikum ebenso verlässlich emotional und intellektuell ergreift wie ein „well made play“.
Das einzige, was man mit diesem „Erfinden neuer Formen des theatralen Erzählens“ erreicht hat: Man hat die Profi-Autoren, die fesselnd erzählen können, in großer Zahl vergrault. Der verständnislose Blick, den man erntet, wenn man einen Kollegen fragt, ob er nicht mal was fürs Theater machen würde, wird in 99 Prozent aller Fälle noch mit der Scheibenwischergeste begleitet. Woran das liegt: An der Geringschätzung, die die heutigen Theatermacher Autoren entgegenbringen.
Belege dafür finden sich zahlreich auch in Schmidt’s Vortrag, unter anderem fordert er ja, das Theater solle sich verabschieden „vom klassischen Autorenbegriff. Die Herausforderungen der nächsten Gesellschaft sind zu komplex, um von einem einzelnen definiert, aufbereitet und auch noch niedergeschrieben zu werden.“
Herr Schmidt, ob Sie’s glauben oder nicht, die Herausforderungen dieser und einer kommenden Gesellschaft sind nicht zu komplex für einzelne Autoren. Tagtäglich kommen Bücher heraus, in denen Autoren haargenau das tun, gesellschaftliche Zusammenhänge definieren, aufbereiten und niederschreiben, und dafür werden wir – von anderen Organisationen als den deutschen Stadttheatern – ganz gut bezahlt. Eben weil wir’s gut können und weil wir am Buchmarkt, als Serienautor oder beim Radio Publikumszahlen erreichen, von denen die Theater nur noch (s.o.) träumen können.
Nein, wenn das deutsche Stadttheater sich noch retten will (vermutlich ist es eh zu spät), dann nicht mit dem Installieren von neuer Zusammenarbeitsformen, die auf Missverständnissen und ausgekautem Coaching-Quatsch beruhen, sondern mit ganz simplen „Back to the Roots“: ans Publikum denken. Warum gucken die „Breaking Bad“, aber nicht unseren Shakespeare? Warum lacht keiner an Abenden, die im Spielplan als „Komödie“ ausgewiesen werden? Warum kommt keiner, wenn wir etwas als „aufregend“ anpreisen?
Die Antworten können m. E. die Leute nicht finden, die den Karren in den Dreck gefahren haben. Die Antworten haben die Leute, die nicht mehr am Theater arbeiten bzw. die mittlerweile gar nicht mehr auf die Idee kommen, das Theaterarbeit etwas erstrebenswertes ist.
